Wie vorurteilsbehaftet sind wir eigentlich selber? Und was heißt überhaupt das Anderssein? Dazu hat die Kunstfigur Malte Anders eine Antwort. Am 29.09.2017 führte der Kabarettist an der Albert-Schweitzer-Schule seine Show „Homologie“ der Jahrgangsstufe 8 vor. Die Show sollte die junge Schülerschaft auf die Thematik Homosexualität und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Probleme aufmerksam machen, sie aber auch zum Reflektieren anregen, da gerade in diesem Alter viele Jugendliche nicht über ihr Verhalten oder Sprache nachdenken. Freundlicherweise erklärte sich der Kabarettist für ein Interview mit dem Schweitzer Käseblatt bereit, was ihr nun hier lesen könnt.

Können Sie etwas zu Ihrer Person erzählen?
Mein echter Name ist Timo Becker. Ich bin Sozial- und Theaterpädagoge und seit einiger Zeit Kabarettist. Als Kabarettist habe ich eine Kunstfigur, die ich auf der Bühne präsentiere, und das ist Malte Anders. Mit der Figur Malte Anders fing ich mit einer Show für Erwachsene namens gayforoneday im Gallustheater an, die eine ganz normale Comedy-Kabarett-Show ist. Da ich als Theaterpädagoge viel in Schulen unterwegs bin und mit Schülerinnen und Schülern arbeite, hatten wir als Team irgendwann einmal die Idee, Comedy, Schülerschaft und Homosexualität, was auch Thema in meiner Abendshow war, zusammenzubringen. Über Homosexualität wird ebenfalls in Schulen gesprochen, und so entstand diese Show, weswegen ich heute hier bin.

Was war Ihre Inspiration, diese Shows zu machen?

Ich komme aus einem sehr kleinen Dorf, meine Familie etwa hat große Probleme mit meiner Homosexualität und ich hatte nie den Mut, es vor meiner Schulklasse anzusprechen. Viele meiner Freunde, sowohl jüngere als auch ältere, sagen: „Wir hätten uns nie getraut, uns vor der Klasse zu outen. Und du gehst in Schulen und machst Shows und Workshops. Bombardieren dich die Schüler dann nicht mit Fragen zu deiner sexuellen Orientierung?“

Deswegen dachten wir uns, dass die Comedy eine gute Möglichkeit wäre, dieses Thema aufzugreifen, d.h., es wäre eine lustige und angenehme Form, über das Thema zu sprechen. Die größte Motivation lag für mich im Problem meiner Familie mit dem Thema, weshalb ich an den Punkt gelangte, damit an die Öffentlichkeit treten zu wollen. Darüber hinaus gibt es Leute in unserem Land, die mit Homosexualität ein Problem haben – sei es weil sie aus sehr ländlichen Regionen kommen, eher konservativ sind, kulturell einen ganz anderen Hintergrund haben, weil es ihnen die Religion verbietet oder in dem Land, aus dem sie kommen, ganz untersagt ist. Wie man sehen kann, existieren viele Gründe, warum Menschen Probleme damit haben. Ich glaube, dass alle daraus etwas lernen können.

Inwiefern hätte solch eine Show Sie damals als Achtklässler beeinflusst?
Es hätte mich zumindest beruhigt und beeindruckt, dass jemand auf der Bühne steht und offen über dieses Thema sprechen kann. Denn damals, während meiner Jugend, wurde dieses Thema totgeschwiegen. Und falls es doch einmal angesprochen wurde, kamen gleich ganz schlimme Beleidigungen auf, wie etwa „Schwuchtel“ oder sogar „Arschlecker“. Die Show hätte mir sicher geholfen zu sehen, dass jemand, der die Schule abgeschlossen hat, damit gut und locker leben kann.
Ziel der Show soll aber nicht sein, dass jemand aus dem Publikum aufspringt und sagt „Ich bin auch schwul“, sondern dafür zu sensibilisieren, wie es bspw. ist „Schwuchtel“ genannt zu werden und damit ungezwungen umzugehen.

Sind Sie schon einmal mit aufgebrachten Eltern nach der Show konfrontiert worden?
Überhaupt nicht. Wir warten immer darauf, dass irgendwelche Eltern vor der Tür stehen. Das Erste, das nach der Prämiere unserer Show „Homologie“ passierte, war, dass tatsächlich ein Vater – vermutlich mit türkischem Hintergrund – bei uns im Büro anrief. Er erzählte, dass seine Tochter von diesem Programm an der Schule geschwärmt habe und er daher gerne einmal wissen wolle, was es koste und wie man es buchen könne. Er wolle es nämlich der Schule seines Sohnes empfehlen. Hier wurden wir von unseren eigenen Vorurteilen ertappt. Schon vorher hatten wir uns überlegt, wie wohl die christlichen, konservativen oder auch die muslimischen Eltern darauf reagieren würden. Und dann ist ausgerechnet der erste Anrufer ein türkischer Vater und möchte die Show weiterempfehlen! Manchmal sind wir es, die Vorurteile hegen, und gar nicht einmal die Eltern. Deppen gibt immer – sei es unter Christen, Muslimen, Jungen, Alten, Eltern oder Schülern.

Was erhoffen Sie sich, dass die Schülerschaft mitnehmen kann?
Wir erhoffen uns, dass die Schülerschaft wahrnimmt, dass es viele Arten des Andersseins gibt. Es gibt nicht nur Homosexualität, sondern viele Arten der Sexualität, so wie es auch viele Kulturen gibt. Wir sind alle anders. Es geht nicht darum zu deuten, was die Unterschiede oder das Besondere an der Homosexualität ist, sondern was das Gleiche ist. Ist es nicht vollkommen egal, ob jemand homosexuell, transsexuell, bisexuell, Moslem, Jude oder Christ ist? Genau das steckt in der Show und wird anhand der Homosexualität erklärt. Man kann es auf alle Themenbereiche beziehen. Es werden viele Themen angerissen, die nichts mit Homosexualität zu tun haben. Deswegen hoffe ich, dass alle einmal reflektieren – nicht nur die, die es betrifft, sondern gerade diejenigen, die ohne darüber nachzudenken mit Beleidigungen umherwerfen. Ich glaube nicht, dass viele Schülerinnen und Schüler, die andere mit ihrer Ausdrucksverweise verletzen, homophob sind, sondern gar nicht erst darüber nachdenken, was sie sagen. Für die Betroffenen in der Klasse ist das ein Schlag ins Gesicht.

Haben Sie für uns noch eine Weisheit aus Ihrem Leben?
Am Ende der Show erhalten alle die Möglichkeit, Fragen zu stellen und miteinander zu reden. Die Schülerschaft bekommt Zettel, auf denen sie eine Frage notieren und anschließend abgeben kann, was sich aufgrund der Anonymität auch viele trauen. Ich laufe dann mit den eingesammelten Fragen zur Bühne zurück und lese jene Fragen vor, die mir total absurd, aber auch konstruktiv erscheinen. Es ist gut, mehr miteinander und nicht übereinander zu reden.

Vielen Dank für das Interview!

Fotos: Winkler

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Albert-Schweitzer-Schule
Waldstr. 113
63071 Offenbach

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