Im Jahre 2007 stand ich als siebenjähriges Mädchen mit einer großen Schultüte, die fast so groß war wie ich selbst, in der Turnhalle meiner Grundschule. Nach dem typischen Foto der Einschulung, auf dem alle Erstklässler stolz ihre Schultüte trugen, daneben eine antike Schultafel mit der Aufschrift „Mein erster Schultag“, ging ich neugierig und aufgeregt zum ersten Mal in meinen Klassenraum. Was wird mich erwarten? Werde ich Freunde finden? Was kommt auf mich zu? Fragen, die mir durch den Kopf gingen, nachdem der vorherige Lebensabschnitt im Kindergarten aus Spielen, Spaß haben und Erleben von Abenteuern bestanden hatte, war die Schule nun das zweite „Level“ im Spiel des Lebens, welches ich durchspielen musste. Heute, zwölf Jahre später, habe ich dieses Level fertig gespielt und bin am Ende angekommen. Zurückblickend frage ich mich: Wusste ich damals schon, dass die Schule einmal zwölf Jahre lang mein Leben maßgeblich prägen und gestalten würde? Wusste ich, dass ich zwölf Jahre lang lernen und Klausuren schreiben würde? Denn erst jetzt, an meinen letzten Schultagen, wird mir bewusst, wie viel Raum und Platz die Schule in meinem Leben eingenommen und diesen mit Freude, Spaß, aber auch Leid ausgefüllt hat.

Das Level Schule bestand aus zwei Schwierigkeitsstufen: Grundschule und Gymnasium. Während ich mich an die Grundschulzeit schon gar nicht mehr so genau erinnern kann, habe ich bei den Etappen im Gymnasium noch genaue Bilder im Kopf. Bei dem Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium sprachen alle davon, dass nun der Ernst des Lebens beginnen würde, was sich für mich, im Nachhinein betrachtet, als übertriebene und zu philosophische Titel für den Übergang von der vierten in die fünfte Klasse herausstellte.

An meinem ersten Tag an der ASS ging ich mit einer ebenfalls neugierigen und erwartungsvollen Einstellung durch den Torbogen des an ein Renaissance-Schloss erinnernden Schulgebäudes. Insbesondere die antike goldene Uhr am Turm, die damals noch nicht restauriert worden und deren Prozess des Rostens schon im Endstadium angekommen war, gefiel mir sehr gut und ich muss zugeben, dass es für ein zehnjähriges Mädchen anfangs ein tolles Gefühl gewesen war, in einem so altehrwürdigen Gebäude zur Schule gehen zu dürfen.

Die für mich damals größte Veränderung stellten die vielen Lehrer dar. Knapp 100 Lehrkräfte unterrichteten an der Schule und ich selbst hatte fast in jedem Fach einen anderen Lehrer – in der Grundschule hingegen unterrichtete fast alle Fächer der Klassenlehrer. Mich persönlich störte dies, da es zum großen Nachteil werden kann, wenn man ihn nicht mag. Der alltägliche Gang zum Vertretungsplan war auch neu und gerade in der Unterstufe lernte ich durch die Vertretungsstunden die meisten Lehrer kennen. Nachdem ich vorher immer noch gerätselt hatte, wer sich hinter den Kürzeln und Hieroglyphen verbarg, hatte ich am Ende der 6. Klasse ein Bild von fast jedem Lehrer. Hinzu kam, dass die Schule anfangs wie ein großes Labyrinth wirkte. Insbesondere die Fachräume, die ich vorher nicht gekannt hatte, oder die Stufenräume, die ein wenig Universitätsatmosphäre auslösten, ließen mir die Schule als kleine Unterstufenschülerin groß erscheinen.

Darüber hinaus hatte ich auch neue Fächer. Physik, Geschichte und Erdkunde standen für mich erstmals auf dem Stundenplan. Dass Physik einmal acht Jahre später mein angestrebtes Studienfach sein würde, hätte ich mir damals noch nicht vorstellen können. Nicht zu vergessen: Aus Französisch, Spanisch und Latein konnten wir unsere zweite Fremdsprache wählen. Aus für mich bis heute unerklärlichen Gründen entstand im Jahrgang ein Konkurrenzkampf unter den Schülern, wer denn „Spanisch – die beste Sprache der Welt“, „Latein – die tote Sprache“ oder „Französisch – die schwierigste Sprache“ gewählt hatte. In der Oberstufe wurden letztlich aus zwei großen Französischkursen nur noch ein Kurs aus acht Schülern, aus dem damals schon sehr kleinen Lateinkurs wählten gerade einmal zwei Schüler Latein bis zum Abitur nicht ab und nur aus drei großen Spanischkursen wurde ein kleiner Grundkurs und ein größerer Leistungskurs.

In der sechsten Klasse stand ebenfalls die erste Klassenfahrt zur Stärkung der Klassengemeinschaft an. Während andere Klassen das Weite suchten und an die Nordsee fuhren, fuhr meine Klasse ins benachbarte Büdingen. Nach der Unterstufe war ich endlich froh und stolz, nicht mehr zu den Kleinen zu gehören. Allerdings muss ich sagen, dass die meisten Lehrer am wenigsten gerne Mittelstufenklassen unterrichten, da sich die anfangs noch kleinen, verunsicherten Fünftklässler zu demotivierten und desinteressierten pubertierenden Schülern entwickelten.

Das absolute Highlight der Mittelstufe war die Skifreizeit, die von der Schulleitung als „Wanderfahrt mit sportlichem Schwerpunkt“ bezeichnet wird. Zum ersten Mal fuhren wir als ganzer Jahrgang gemeinsam ins Ausland, um genau zu sein nach Österreich, und erlebten einige Abenteuer beim Skifahren. Es entstand zum ersten Mal ein größeres Gefühl der Gemeinschaft und wir lernten über die eigene Klasse hinaus andere Mitschüler kennen.

In der neunten Klasse fing es dann schon an, dass die Lehrer versuchten Druck aufzubauen, dass wir die letzte Klasse in der Sekundarstufe I genießen sollten, da wir in der Oberstufe mit einem komplett neuen System und schwierigeren Klassenarbeiten bzw. Klausuren konfrontiert würden. Am Ende der neunten Klasse gab es das erste größere Abschiedsgefühl, da sich unsere Klasse, in der wir fünf Jahre lang täglich mindestens sechs Stunden zusammen waren, nun aufgelöst hatte. Allerdings überwog am Ende des Schuljahres die Einstellung, die Oberstufe als neue Chance anzusehen, neue Freundschaften zu knüpfen.

Nachdem ich noch in der fünften Klasse verblüfft darüber war, nie mehr um 12:15 Uhr Schule aus zu haben oder bis 15:30 Unterricht zu haben, überraschte es mich nun, als ich am ersten Tag in der E-Phase feststellte, dass ich sogar bis 17:15 Uhr Unterricht hatte. Dass dies noch steigerbar war, war mir in der E-Phase noch nicht klar.

Hatte sich in der Klasse der E1 gerade erst eine schöne Gemeinschaft ergeben, wurden in der E2 nun alle Klassen vollständig zu Kursen umgewandelt und das große Rätseln und Überlegen, welchen Vorleistungskurs ich wählen würde, begann. Im Anschluss an die E2 mussten wir uns schließlich verbindlich für die Phase entscheiden, die für unser Abitur zählt. Zum ersten Mal nach zehn Jahren Schulzeit waren wir auch darüber erstaunt, dass sich unser Jahrgang einmal so stark verkleinern würde, da sehr viele die E-Phase nicht geschafft hatten, sodass wir mit diesen Schülern eine neue Klasse in der E-Phase hätten eröffnen können.

Die Q-Phase war nun der letzte Abschnitt in meiner Schullaufbahn und anscheinend sollte auch dieser Stundenplan am Ende unvergesslich sein. Die Tatsache, dass ich bis 19:00 Uhr Schule haben konnte, und dies mehrmals in der Woche, an den anderen Tagen bis 17:15 Uhr bzw. wenn man Glück hatte, sogar nur bis 15:30 Uhr, schockierte am ersten Tag der Q-Phase.

Ziemlich am Anfang der Q-Phase begann die Diskussion, wohin es auf Kursfahrt gehen sollte. Früher hatten wir gedacht, dass wir Schüler zusammen darüber abstimmen könnten, mit welchen Kursen und vor allem wohin wir fahren, aber zumindest bei meiner Kursfahrt war dies nicht der Fall. Die Entscheidung, dass wir nach Cornwall, an den fast südlichsten Punkt Englands, in ein kleines Örtchen umgeben von viel Natur, fahren, trafen unsere Lehrer.

Die Zeit bis zur Kursfahrt verging ziemlich schnell und bestand aus anstrengenden Klausurphasen, zwischen denen ich mich immer nur kurz erholen konnte. Die Kursfahrt bildete den absoluten Höhepunkt der Oberstufe. Sie war schließlich unsere Abschlussfahrt, die uns noch lange in Erinnerung bleiben sollte. Unser Jahrgang fuhr nach Florenz, Kroatien und nach Cornwall. Nachdem sich in der Oberstufe eine große und starke Gemeinschaft gebildet hatte, war es umso schöner, einmal zusammen für mehrere Tage ins Ausland zu fahren. Auch wenn die Stimmung nach der 20-stündigen Hinfahrt und die Wanderung nach der Ankunft bei strömenden Regen ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hatte und wir glaubten, diese würde bis zum Ende konstant so schlecht bleiben, war es rückblickend gesehen, trotzdem ein schönes Erlebnis gewesen, bei dem alle viel Spaß und Freude hatten.

Man könnte die Kursfahrt gar als einen Wendepunkt bezeichnen, da danach die Abiturvorbereitungsphase begann und es danach kein Ereignis mehr gab, auf das wir uns hätten freuen können. Stattdessen sprachen alle Lehrer nur noch vom Abitur und bauten Druck auf. Wir waren im Endspurt angekommen. Neben den Klausuren, die ich in der Q3 noch schrieb und die ebenso in die Note einflossen, musste ich parallel dazu die vergangen zwei Halbjahre wiederholen, Zusammenfassungen schreiben, nacharbeiten etc. Im Januar fing es dann an, dass ich die Tage bis zum Abitur wie ein Countdown herunterzählte und wir 99 Tage vor dem Matheabitur zusammen Kuchen aßen. Während wir nur noch das Abitur vor Augen hatten, vergaßen wir ganz die Zeit, die so schnell verging. Wir wollten nur noch, dass die Abiturphase endlich anfängt, um es hinter uns zu bringen.

Ausgestattet mit knapp 80 Lernzetteln und Beruhigungstabletten überkamen mich am Abend vor der ersten Abiturklausur gemischte Gefühle. Einerseits realisierte ich gar nicht, dass am nächsten Tag der Moment kommen würde, auf den ich zwölf Jahre lang hingearbeitet hatte, die erste Etappe, um mein Abitur abzulegen. Anderseits erhöhte sich schnell der Puls, als ich mir bewusste machte, wie stark diese Klausur die Abiturnote bestimmt. Uns wurde schon vorher gesagt, dass das Warten vor dem Prüfungsraum das Schlimmste sei. Im Nachhinein redeten wir dann noch ganz ent- und gespannt über die anstehende Klausur. Als wir dann endlich an unserem Tisch im Prüfungsraum saßen und wir uns mit unseren zwei Brotdosen, Schokolade, Obst, Traubenzucker, Orangensaft, Apfelschorle und den Beruhigungstabletten bewaffnet hatten und der Tisch anschließend erstaunlich klein wirkte, begann das große Warten auf die Schulleitung. Pünktlich um neun Uhr durften wir endlich den Stapel Blätter umdrehen und die Aufgaben durchlesen. Dies war für mich der Moment der größten Aufregung, da ich Angst bekam, die Aufgaben nicht lösen zu können. Nach der Auswahl der Vorschläge war ich beruhigt, als ich realisierte, dass es eine ganz normale Klausur war, so wie jede andere zuvor auch. Aber natürlich mit dem Zusatz, dass die Note vierfach gewertet und damit genauso viel gewichtet wird wie alle vier Halbjahresnoten eines Grundkurses. Diese Tatsache blendete ich in den Abiturklausuren aus. Die größere Herausforderung bestand für mich jedoch darin, den Überblick bei den vielen Aufgaben-, Konzept- und Materialblättern zu behalten.

Die restliche Phase der Q4 bestand nur noch darin, irgendwie die Motivation zum Lernen wieder zu finden, um die letzten Klausuren unseres Lebens erfolgreich hinter uns zu bringen und die Zeit bis zur Bekanntgabe der Noten des schriftlichen Abiturs totzuschlagen. Nach knapp sieben Wochen bekamen wir ganz unspektakulär einen Tag vor unserem letzten Schultag die Noten auf einem Zettel von unserem Tutor mitgeteilt. Die ganzen Wochen wartete ich auf den einen Moment und dann löste sich innerhalb von Sekunden die ganze Spannung. Bei einigen ging sie in Freude, bei vielen aber auch in Enttäuschung bzw. Angst über, das Abitur überhaupt noch zu schaffen.

Am nächsten Tag saß unser Mathe-Tutorium in der Mensa und wir bekamen noch unser obligatorisches Q4-Zeugnis. Es folgte ein Moment der Stille. Traurig und melancholisch zugleich dämmerte es mir: Es war vorbei. Die Kursphase ist zu Ende und damit hatten wir auch nie wieder Unterricht. Ich realisierte gar nicht, dass ich abgesehen von zwei mündlichen Prüfungen die Schule eigentlich nicht wieder betreten musste. Vielleicht lag es auch daran, dass ich es gar nicht wahrhaben wollte, auf einmal einen Schlussstrich unter zwölf Jahre Schule zu ziehen, die dem Leben einen Rhythmus, einen Alltag und eine Gewohnheit gegeben hatten. Das Level Schule ist nun zu Ende gespielt. Es folgt der nächste Lebensabschnitt mit neuen Aufgaben. Jetzt sind wir an den Punkt gekommen, an dem wir unser Leben selbst in die Hand nehmen müssen, um es zu gestalten und unseren Träumen und Wünschen zu folgen. Diese neue Freiheit ist Anspruch und Zuspruch zugleich, wir stehen auf eigenen Füßen und müssen unseren eigenen neuen Weg finden.

Suche

Podcasts

Von Hogwarts bis zu gestohlenen Rühreiern – Herr Mareck klärt auf
Herr Mareck stellt sich vor. Er spricht über seine Erfahrungen und Eindrücke an der ASS, der Trennung von Schul- und Privatleben, den Begegnungen mit Prominenten und vielem mehr. Das Interview führt Senem Bozdag.

800x600

Über Erfolg und Misserfolg - Herr Álvarez im Gespräch

Sportlehrer Álvarez sprach mit dem Schweitzer Käseblatt über Wettkämpfe, Schiedsrichterentscheidungen und die künftigen Ziele der Schulmannschaften im Fußball. Von Gabriel Ligori, Daniel Muhammad und Miguel Reyes Núñez 

Die Aufgaben einer Schulsprecherin
Verantwortungsvoll und vielfältig - über die Arbeit einer Schulsprecherin sowie über ihre Ziele spricht Saha Angourani. Von Sunita Herrmann und Ariana Mahmutaj
Schulleiter Schmidt über die ASS
Über die Entscheidungsfindung zur G8- oder G9-Schule, das Handyverbot während der Pausen, die Freistunden für die Oberstufenschüler, die Attraktivität der ASS und noch vieles mehr - Schulleiter Schmidt klärt auf. Von Patricia Kaschky und Asimina Tassopoulou
Interview Schulleiter Schmidt Teil 1
Interview Schulleiter Schmidt Teil 2
Die Schulsprecherin stellt sich vor
Samar Angourani spricht über ihre Arbeit als Schulsprecherin. Das Interview führte Schweitzer Käseblatt-Reporterin Franziska. 
ASS-Regisseur Dr. Biccari plaudert aus dem Nähkästchen
In der Rückschau reflektiert der ASS-Regisseur und Leiter der Kurse Darstellendes Spiel, Herr Dr. Biccari, die Aufführungen von Schnitzlers Skandalstück Reigen im Januar dieses Jahres. Von Julia Kopitzki und Michelle Jüngling
Interview Dr. Biccari Teil 1
Interview Dr. Biccari Teil 2
Interview mit Frau Schepp
Tobias interviewte Frau Schepp, die zweite Leiterin im Tandem des Schweitzer Käseblatts.
Gedanken zu den Sommerferien
Endlich Sommerferien. Doch wie ist das kurz vor dem Abitur? Luisa schildert ihre Gedanken.
Vorschläge für den Wandertag 2011
Wandertag – sportliche Aktivität oder kulturelle Besichtigungen? Ideen für den Wandertag von Asimina.
Neuer Schulhof
Mit dem Neubau der ASS kam ein neuer Schulhof. Über Wünsche der Schülervertretung (SV) spricht Daniel.

Lust, Artikel zu schreiben?

Ihr habt Lust, auch Artikel zu schreiben oder Podcasts aufzunehmen, die in der Online-Schülerzeitung veröffentlicht werden? Dann macht doch in der Schülerzeitungsgruppe mit! Meldet euch einfach bei Frau Ivan.

Schweitzer Käseblatt

Albert-Schweitzer-Schule
Waldstr. 113
63071 Offenbach

Zum Seitenanfang

Startseite - Wir über uns - Kontakt - Impressum

Template design by JoomlaShine.com